Meine Musik riecht nach Tango

Astor Piazzolla zum 100. Geburtstag
Von Bettina Brand


Astor Piazzolla 1989 bei einem Konzert in Berlin (picture-alliance / dpa | Cornelia Gus)
Astor Piazzolla 1989 bei einem Konzert in Berlin (picture-alliance / dpa | Cornelia Gus)

Astor Piazzollas Musik fand Eingang in die Popmusik, die Folklore, den Jazz und die Klassik. Er schuf eine eigene Form des kammermusikalischen Tangos, den „Tango nuevo“. Am 11. März wird er 100 Jahre alt.

Astor Piazzollas unverkennbarer eigener Stil, sein „Tango Nuevo“, ist weltbekannt. Der Weg dorthin war lang und steinig: Piazzollas Bandoneonspiel atmet die Sinnlichkeit und den Rhythmus des traditionellen Tangos und doch lässt er ihn mit ungewöhnlich besetzten Ensembles, erweiterten Spielarten und gewagten Harmonien in einem neuen Licht erscheinen. Hinter den weltweit bekannten Stücken „Libertango“ und „Adíos Noniño“ ist ein etwas anderer Piazzolla zu finden, ein leidenschaftlicher Musiker, der über Jahrzehnte nach einem eigenen innovativen Stil suchte.

Die einzige umfassende Biographie über Astor Piazzolla hat María Susana Azzi gemeinsam mit Simon Collier geschrieben. Dafür hat sie neben umfangreichen Recherchen allein 230 Interviews mit Musikerinnen, Zeitzeugen und Familienmitgliedern geführt. Sie beschreibt, wie ihre Faszination für Piazzolla und seine multikulturelle Arbeit begann.

Von Buenos Aires nach New York

Astor Piazzollas Vorfahren waren Italiener, die Mitte des 19. Jahrhunderts – wie Hunderttausende ihrer Landsleute – nach Argentinien ausgewandert waren. In Mar del Plata, einem der größten Seebäder Argentiniens in der Provinz Buenos Aires, wurde Astor Pantaleón Piazzolla am 11. März 1921 geboren. Bereits 1925 entschied sich sein Vater Vicente aus finanziellen Gründen, Argentinien zu verlassen und mit seiner Frau Assunta und seinem vierjährigen Sohn nach New York auszuwandern. Die ca. 13 Jahre in Downtown Manhattan waren prägend für Piazzollas musikalische Entwicklung.

Enttäuschend: Bandoneon statt Baseball

Als er acht Jahre alt wurde bekam er zum Geburtstag von seinem Vater ein Bandoneon geschenkt. Astor war zutiefst enttäuscht, er hatte sich einen Baseball gewünscht. Er sah sich diese merkwürdige Kiste an und wusste überhaupt nicht, was er damit anfangen sollte.

Eine Kiste zum Aufklappen und dabei Töne entlässt: ein Bandoneon. (IMAGO / agefotostock)
Eine Kiste zum Aufklappen und dabei Töne entlässt: ein Bandoneon. (IMAGO / agefotostock)

Die Musik seiner Eltern war der traditionelle Tango, der täglich nach Feierabend zu Hause aus einem Grammophon erklang. Diese interessierte Astor überhaupt nicht.

Bach, Mozart und Chopin

Viel mehr faszinierte ihn die Musik Johann Sebastian Bachs, die aus der Nachbarwohnung herüberschallte. Dort übte der ungarische Pianist Béla Wilda, ein ehemaliger Schüler von Rachmaninoff. Nach langen Diskussionen konnte Astor seinen Vater überreden, bei Wilda Unterricht nehmen zu dürfen. Dieser kannte sich mit dem Bandoneonspiel nicht aus, arrangierte aber dennoch Werke von Bach, Mozart und Chopin, die Astor dann auf dem Bandonéon spielen konnte.

Als sein Vater Anfang 1937 beschloss, wieder nach Argentinien zurückzukehren, war Astor nicht begeistert. Er konnte schlecht spanisch, alle seine Freunde waren in New York, Manhattan war zu seiner Heimat geworden. Inzwischen hatte sich der Tango in Argentinien aus der Schmuddelecke der Bordelle und finsteren Kneipen herausentwickelt und war salonfähig geworden. Er hatte sich als DIE populäre Musik schlechthin etabliert. Dennoch blieb Astor Piazzolla weiterhin auf Abstand.

Verwirklichung eines Traum

Das blieb so bis er eines Tages den Tango-Geiger Elvino Vardaro mit seinem Sextett im Radio hörte. Er war so überwältigt von dessen ausdrucksstarkem Spiel und seinem unverwechselbaren Rubato, dass er umgehend damit begann, sämtliche großen Tangomusiker zu hören, immer auf der Suche nach innovativen Elementen in ihrer Musik.

Diese fand er bei Elvino Vardaro, aber auch bei Aníbal Troilo, der im Juli 1937 mit seinem Ensemble und dem Tenor Francisco Fiorentino ein spektakuläres Debut im Marabú Kabarett in Buenos Aires gab. Astor Piazzolla war da. Nach dem Konzert stand für ihn fest, dass er unbedingt bei diesem exklusiven Orchester mitspielen wollte. Dafür gab es allerdings kaum eine Chance. Eines Tages verließ einer der Bandoneonisten das Orchester und Troilo benötigte Ersatz. Ein gemeinsamer Freund empfahl Astor als jemanden, der das gesamte Repertoire kannte.

Komponieren kann man lernen

Kaum war sein Traum wahr geworden, im Orchester von Troilo zu spielen, machte sich Piazzolla bereits auf die Suche nach neuen Herausforderungen. Als er im Jahr 1940 erfuhr, dass der Starpianist Arthur Rubinstein in der Stadt war, suchte er ihn auf und erzählte ihm, dass er Komposition studieren wolle. Rubinstein griff zum Telefon und vermittelte Piazzolla den Kontakt zu dem wenig älteren Komponisten Alberto Ginastera, bei dem er mehrere Jahre Kompositionsunterricht nahm. Im selben Jahr verliebte er sich in Odette María Wolff, genannt Dedé.

Alberto Ginastera, hier 1976, gilt als wichtigster Komponist Argentiniens, der Piazzolla unter seine Fittiche nahm. (IMAGO / ZUMA Wire)
Alberto Ginastera, hier 1976, gilt als wichtigster Komponist Argentiniens, der Piazzolla unter seine Fittiche nahm. (IMAGO / ZUMA Wire)

Alberto Ginastera unterrichtete Piazzolla in Orchestration, Komposition und Dirigieren; außerdem in Literatur und Dichtung, weil er der Ansicht war, dass ein Musiker ein umfassend gebildeter Künstler sein müsste. Piazzolla begann Bücher zu lesen, die seine Frau Dedé für ihn beschaffte. Sie kümmerte sich um die Literatur und Lyrik, die Piazzolla las.

Erste eigene Arrangements

Fünf Jahre spielte Piazzolla in Aníbal Troilos Orchester und verdiente gut. Aber er spürte, dass er hier musikalisch auf der Stelle trat. Auf der Suche nach Neuem probte er deshalb heimlich in seiner Garderobe mit Musikern, die mit ihm experimentierten und bereit waren, neue Wege zu gehen. Schließlich überredete er Aníbal Troilo, für das Orchester Arrangements schreiben zu dürfen.

In diese Arrangements floss vieles ein, was er bei Alberto Ginastera gelernt hatte: vor allem sein Wissen über Kontrapunkt und Harmonielehre mit dem Ergebnis, dass seine Musik nicht allen gefiel. Es war ein harter Schlag für Ánibal Troilo, als Astor Piazzolla das Orchester 1944 verließ.

Ziel: ein klassischer Komponist zu sein

Nach seinem Ausscheiden aus Troilos Orchester leitete Piazzolla vorübergehend das Orchester des Sängers Francisco Fiorentino, der seine neuartigen Arrangements akzeptierte. Mit dem Ensemble nahm er beim Label Odeon 24 Titel auf.

Zusätzlich zu dem Kompositionsunterricht bei Alberto Ginastera nahm er nun Klavierstunden bei dem klassischen Pianisten Raúl Spivan. Er hörte viel Jazz, vor allem Aufnahmen des Pianisten Stan Kenton. Den nächsten wichtigen Schritt ging Piazzolla mit der Gründung seines ersten „Orquesta típica“ im Jahr 1946.

Das eigene Ensemble

Endlich hatte er ein Ensemble, mit dem er nicht die Stücke anderer spielen musste und in dessen Stil er ungehindert eigene Ideen einfließen lassen konnte. Zu dieser Zeit analysierte er Kompositionen von Béla Bartók, Sergej Prokofiev und Igor Strawinsky mit der festen Absicht, ein sogenannter „klassischer“ Komponist zu werden. Sein Opus 1 ist eine Suite für Harfe und Streichorchester. Seine Kompositionen wurden in Konzerten gespielt und im Rundfunk übertragen. Dennoch komponierte er auch einige Tangos, darunter 1946 „El desbande“, den er später als seinen „ersten wahrhaftigen Tango“ ansah. Allerdings konzentrierte er sich immer mehr auf die Komposition zeitgenössischer Musik.

Stipendium für Paris

Bestärkt durch die Ermutigungen von Alberto Ginastera und dem Komponisten Juan José Castro, reichte Piazzolla 1953 sein Opus 15, die Sinfonie „Buenos Aires“, für den Fabien-Sevitzky-Preis ein – und gewann. Neben einem Geldbetrag von 250 $ enthielt der Preis ein einjähriges Stipendium für ein Studium in Paris bei der berühmten Komponistin und Pianistin Nadia Boulanger.

In Paris bei Nadia Boulanger

Zeitgleich erhielt auch Dedé ein Stipendium in Paris, um bei dem Kubisten André Lhote zu arbeiten. Das Paar machte sich auf die weite Reise. Für alle Fälle hatte Astor das lange vernachlässigte Bandoneon im Gepäck. Als Piazzolla 1954 in Paris ankam, hatte er vor, „klassischer“ Komponist zu werden. Durch Nadia Boulanger gewann Astor Piazzolla ein ganz neues Selbstbewusstsein als Musiker.

Nadia Boulanger: Komponistin, Dirigentin und Lehrerin, die zahlreiche Schüler anzog, so auch Astor Piazzolla. (IMAGO / KHARBINE-TAPABOR)
Nadia Boulanger: Komponistin, Dirigentin und Lehrerin, die zahlreiche Schüler anzog, so auch Astor Piazzolla. (IMAGO / KHARBINE-TAPABOR)

Noch in Frankreich unterschrieb er Verträge mit drei Schallplattenfirmen. Innerhalb von sechs Wochen komponierte er 16 Stücke, die er mit Musikern der Pariser Oper aufnahm. Außerdem konnte er den argentinischen Jazzpianisten Lalo Schifrin gewinnen, mit dem er viel über seine großen Vorbilder Duke Ellington, Dizzy Gillespie und George Gershwin sprechen konnte.

Schifrin hatte bei Olivier Messiaen und René Leibowitz Komposition und Kontrapunkt studiert, hatte aber genau den Swing, den Piazzolla für seine Musik suchte. An den Aufnahmen konnte Schifrin wegen einer Tournee jedoch nicht mitwirken, so dass der Jazzpianist Martial Solal einsprang. Gegen alle Tango-Konventionen begann Piazzolla während dieser Aufnahmen, sein Bandoneon im Stehen zu spielen.

Der Weg zum „Tango nuevo“

Für Piazzolla war ein Jazzkonzert wie eine Party auf der Bühne, mit Musikern, die Freude ausstrahlten, und nicht wie die traditionellen Tangokapellen mit verbitterter Miene auf der Bühne saßen und Weltuntergangsstimmung verbreiteten.

Am Jazz fesselte ihn die Freiheit des Improvisierens und die Gemeinsamkeit des Musizierens, wobei dennoch jeder mit seinen Soli glänzen konnte. So etwas wollte Piazzolla auch in seinem „Tango Nuevo“ verwirklichen. Er kehrte mit der Idee, nach Argentinien zurück, den Tango zu revolutionieren.

Der Skandal: eine E-Gitarre

Zurück in Buenos Aires, gründete er das „Octeto Buenos Aires“. Es war wahrscheinlich Piazzollas kühnstes Ensemble: besetzt mit zwei Bandoneons, zwei Violinen, Cello, Kontrabass, E-Gitarre und Klavier. Seine Musiker behandelte er als Solisten und erlaubte ihnen – im Tango bislang unübliche – Improvisationseinlagen.

Als er die E-Gitarre als neues Instrument in sein Ensemble einführte, provozierte er einen nationalen Skandal. Das war nicht erlaubt im traditionellen Tango. Sowohl der Gitarrist als auch Piazzolla bekamen Morddrohungen am Telefon. Aber Piazzolla ließ sich nicht beeindrucken. Er wollte seinen musikalischen Weg weitergehen.

Abschied vom Vater

Er war enttäuscht und entschloss sich, nach New York zu ziehen. Hier lebte er 2 ½ Jahre lang. Auch hier hatte er keinen Erfolg. In New York war es nicht die richtige Zeit für Tango. Dann starb sein Vater, als er in Puerto Rico war. Nachdem er nach New York zurückgekehrt war, zog er sich zurück. Er wollte allein sein und komponierte „Adiós Nonino“. Er schickte die Partitur von „Adiós Nonino“ an seinen Agenten in Paris und bekam als Honorar vier Schiffskarten, um im Juni 1960 von New York nach Argentinien zurückzukehren.

Er ließ sich dort nieder und begann seine Piazzolla-Revolution. Und: hatte damit endlich etwas Erfolg! Er wurde von verschiedenen Fernseh- und Rundfunksendern eingeladen und gab Konzerte mit seinem neu gegründeten Quintett. In diesem neuen Quintett spielten außer Piazzolla am Bandoneon mit: Jaime Gosis – Klavier, Simón Bajour – Violine, Enrique Díaz – Kontrabass und Horacio Malvicino – E-Gitarre.

Tango zum Zuhören

In den 60er Jahren hatte sich die politische und wirtschaftliche Situation in Argentinien sehr verändert: Zu den gesellschaftlichen Veränderungen zählte auch, dass die plüschigen Kabaretts allmählich kleineren Clubs Platz machten, in denen nicht mehr getanzt, sondern Musik gehört wurde, Jazz und Folk, aber auch Tango. Man nannte sie Tanguerías.

Meistens traf man hier Intellektuelle und ein Publikum aus der Künstlerszene. Das war genau das Publikum, das sich Piazzolla für seinen „Tango nuevo“ wünschte.

Auf die Opernbühne

Schon lange hatte Astor Piazzolla mit dem Musiktheater geliebäugelt. Bis er 1967 gemeinsam mit dem Schriftsteller Horacio Ferrer eine Idee für eine Oper entwickelte und damit ein neues Kapitel des Tango Nuevo aufschlug. Ferrer schrieb das Libretto, Piazzolla die Musik. Die klein besetzte Oper, trägt den Titel „María de Buenos Aires“, benannt nach dem ursprünglichen Namen der 1536 gegründeten Metropole „Heilige Maria der guten Luft“ – Santa María del Buen Aire.

Bis zum Schluss immer unterwegs

1976 gründete Piazzolla sein Octeto Electronico, und wenig später sein zweites Quintett, mit dem er elf Jahre durch die ganze Welt unterwegs war. Mit seinen Aufnahmen mit dem amerikanischen Vibraphonisten Gary Burton schrieb er ein weiteres neues Kapitel in der Geschichte des Tango nuevo. Eine der größten Anerkennungen als Komponist und Musiker war für ihn sicher die Uraufführung seines „Le gran tango“ für Cello und Klavier in New Orleans, gespielt von Mstislaw Rostropowitsch.

Astor Piazzolla starb am 4. Juli 1990 in Buenos Aires. Seine letzte Aufnahme spielte er noch im selben Jahr mit dem Kronos-Quartett in einem kleinen Studio in Manhattan ein, die „Five Tango Sensations“. Nach drei Stunden war alles im „Kasten“. Es war die kürzeste Aufnahmesession, die das Quartett je erlebt hatte.

MEHR ZUM THEMA

Anspiel – 100 Jahre Piazzolla – Auftakt zum großen Tangojubiläum
(Deutschlandfunk, Spielweisen, 03.02.2021)

claire-obscure Saxophonquartett – Piazzolla und seine Musikfavoriten
(Deutschlandfunk Kultur, Die besondere Aufnahme, 31.12.2020)

Eine Oper von Astor Piazzolla – Mythische Tango-Maria
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 14.05.2016)


Referencia:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/astor-piazzolla-zum-100-geburtstag-meine-musik-riecht-nach.3780.de.html?dram:article_id=493610